„Solch ein schulischer Ausnahmezustand lag jenseits des Vorstellbaren“

Wir als Online-Schülerzeitung befragen jedes Jahr im Januar unseren Schulleiter Herrn Slowig zu den unterschiedlichsten Geschehnissen und Veränderungen am CWG, zu aktuellen Entwicklungen oder zu Ereignissen des letzten Jahres. Erfahrt hier, im ersten Teil des diesjährigen Interviews, wie Herr Slowig auf das außergewöhnliche Corona-Jahr zurückblickt.

  • von Theodor Wolf
  • Foto: Theodor Wolf

Teil 1 von 3 des siebten Januarinterviews:

  1. Ein ereignisreiches Schuljahr 2019/2020 und ein ebenso ungewöhnliches erstes Halbjahr des Schuljahres 2020/2021 liegen hinter uns. Zuvor unvorstellbare Dinge wie Schulschließungen oder das Tragen von Masken im Unterricht fühlen sich schon fast wie Normalität an. Im letzten Interview vor einem Jahr gab es Formulierungen wie „Präsenzunterricht“, „Mindestabstand“ oder „Alltagsmasken“ noch gar nicht. Die Geschehnisse waren nicht nur neu und ungewohnt, die Situation änderte sich auch ständig. Auf Schule, Bildung und das CWG bezogen: Wie blicken Sie auf die letzten 11 Monate zurück?

Das war eine sehr komplexe Frage. Die Vorrede hat eigentlich schon alles vorweggenommen: Dinge, die außerhalb meines Vorstellungsbereiches lagen, sind hier Realität geworden. Zum Leben gehört dazu, dass man sich flexibel auf Dinge einstellt und die letzten, sagen wir mal 15, 20 Jahre waren, nicht was die Schulsysteme und die Bildungsreförmchen betrifft, aber doch alle von relativ eingefahrenen Gleisen gekennzeichnet. Dass wir in einen solchen schulischen Ausnahmezustand kommen, hätte ich nicht für möglich gehalten, muss ich ganz ehrlich sagen.

Ich schaue auf die 11 Monate zurück, einerseits mit Freude, weil ich glaube, dass ein größerer Teil unserer Schüler die Bedingungen angenommen hat und auch auf dem Weg ist, das Beste daraus zu machen. Natürlich blicke ich auch mit Sorge auf die Situation, weil ein nicht geringer Prozentsatz der Schülerinnen und Schüler nicht dazu in der Lage war, sowohl die Motivation zum Lernen als auch die täglichen Erfordernisse als Aufgabe für sich zu begreifen, Dinge an einem selbst zu hinterfragen und eventuell eigene Verhaltensmuster zu ändern. Zugespitzter gesagt: Wer vorher nichts für die Schule gemacht hat, der fühlte sich erst recht eingeladen. Diejenigen, die vorher ordentlich gearbeitet haben, die sind zwar manchmal verzweifelt an der Aufgabenfülle oder an dem einen oder anderen technischen Problem. Und natürlich haben wir auch gemerkt, dass der sogenannte Distanzunterricht kein Ersatz für die Präsenz, für die normale Schule ist.

Was mir gefallen hat, ist, dass viele die Herausforderung angenommen haben. Wie gesagt, meine Sorge gilt eher dem danach, der Aufarbeitung des Ganzen und gar nicht so sehr nur im Hinblick auf das Lernen. Auch, was vielleicht in den Familien passiert ist, auf die Last der Kinder und Jugendlichen, die nach der Pandemie zurück in die Schule kommen, sollte man schauen.  Das ist meine größere Sorge.  

Man muss ja in so einer Krisensituation immer auch Chancen sehen: Eine große Chance ist es, zu begreifen, dass nichts im Leben ein Automatismus ist, dass wir jederzeit hier auf Erden auf einem dünnen Eis tanzen. Für mich ist das ein ganz wichtiger Punkt. Leider ist das auf dem Weg der Pandemie etwas verloren gegangen: Aber das Thema Klimawandel, das uns seit Jahren beschäftigt, ist sehr lange, sagen wir mal bis „5 vor 12“, immer nur so ein rhetorischer Tiger gewesen. Jetzt merken die Bauern in Deutschland, das es knifflig wird. Wir merken an der Anzahl der Stürme und an den Wetterextremen, dass das Thema keinen Aufschub duldet. Und wenn die Pandemie vielleicht am Ende das Gefühl dafür schärft, dass wir eben wieder mehr auf bestimmte Dinge achten müssen, sei es auf Hygiene, sei es auf unseren Umgang mit der Natur – vielleicht mehr darauf achten müssen als je zuvor- , dann hat das Ganze auch etwas Gutes.

Im schulischen Bereich glaube ich, dass die eigentliche Arbeit erst nach der jetzigen Situation kommt: Schüler wieder ans kontinuierliche Lernen heranzuführen und uns auch auf erneute Krisen besser einzustellen. Das ist etwas, was ich eigentlich besonders schade finde: Wir haben uns auf die zweite Corona-Welle im Kern nicht wirklich viel besser vorbereitet als auf die erste. Vielleicht auch in der Illusion, dass es uns so wie im Frühjahr nicht nochmal ereilen würde. Wir sind technisch bisher nicht wesentlich weiter gekommen, aber wir haben mit dem Kollegium Fortbildungen gemacht. Viele sind auch sehr willig und wollen diese Fortbildung, aber wir haben das nicht in die Fläche geschafft. Wir haben hier in der Schule nach wie vor nicht die technischen Voraussetzungen, um zum Beispiel einen doch intensiveren Videounterricht anbieten zu können – auch wenn ich den nicht für ein Allheilmittel halte. Und wir haben es nicht geschafft, aber das ist nicht unsere Schuld, diejenigen, die bei dieser Geschichte abgehängt werden, mitzunehmen. Weil die Schüler die technischen Vorrausetzungen nicht haben oder 4 Geschwister zu Hause sind oder in prekären Verhältnissen leben und kaum technische Geräte zur Verfügung stehen. Oder es liegt an einer zu langsamen Internetverbindung …

Wir können als Schule immer nur das Angebot unterbreiten, dass die Schüler herkommen und sich das Material abholen. Manchmal holen sie sich die Aufgaben auch über dritte, aber da bleibt ein gewisser Prozentsatz an Schülern, die uns verloren gehen. Wie gesagt, dass die Politik einmal ganz Deutschland dauerhaft in solch einen Ausnahmezustand schicken kann, dass die Exekutive so stark durchregiert, hätte ich nicht für möglich gehalten. Das macht mich relativ nachdenklich, aber sagen wir mal so:  Das letzte Jahr war wohl das komischste, was ich in meinem Beruf je erlebt habe. Nicht in meinem ganzen Leben, da muss ich sagen, da war die Wendezeit eine Zeit, in der sich so viele Dinge noch viel mehr, für uns hier in Ostdeutschland, gedreht haben. Aber ein komisches Jahr war das schon.

Ich will nicht sagen, dass es das schwerste und beklemmenste Jahr war, was ich je erlebt habe, weil das so nicht stimmt, aber es gibt viele Dinge, die mir fehlen. Mir fehlt mein Sport, den ich mehrfach die Woche mache, mir fehlen kulturelle Veranstaltung und natürlich auch das Erlebnis „Fußball im Stadion“. Und mir fehlen vor allen Dingen unsere schulischen Veranstaltungen. Der Ganztagsbetrieb der Schule, der Schule ja auch schön macht. Die ganzen Dinge in der Schule, das Schulleben. Mir fehlt sogar der Lärm im Haus, was ich nie gedacht hätte. Auf der anderen Seite ist es so, dass ich in anderen Jahren abends oft zu Veranstaltungen musste. Das fällt jetzt alles weg und so ist ein bisschen mehr Zeit für die Familie geblieben. Aber irgendwie ist es trotzdem bedrückend.

Eine Sache möchte ich zum Schluss sagen, die ich für ein großes Problem erachte im schulischen Bereich: Auf der einen Seite geht jeder davon aus, dass das eine ganz besondere Zeit ist. Auf der anderen Seite tun sich die Verantwortlichen in Politik und Schulbürokratie extrem schwer damit, diesen Dingen Rechnung zu tragen. Ich übertreibe jetzt ganz bewusst. Auf der einen Seite ist alles besonders, der Distanzunterricht usw., und auf der anderen Seite soll möglichst an Klausuren, an Kurzkontrollen, an der Notengebung alles so bleiben wie es ist. Bis hin zum letzten Ministerbrief, in dem bemerkt wurde, dass auch auf der Basis einer Zensur eine Zeugnisnote gebildet werden könne.

Kann man machen, aber ich weiß eben nicht, ob das so einer Situation gerecht wird, dass man sagt: Besonderheit ist überall, aber in dem Bereich blende ich das aus. Ich glaube, dass auch solche Ungereimtheiten dafür sorgen, dass bei vielen Menschen der Krisenmodus noch nicht angekommen ist. Denn, dass das Ganze nicht ohne wirtschaftliche Folgen und ohne Folgen für den Arbeitsmarkt etc., auch für den Ausbildungsmarkt, bleiben wird, das kann man sich an einer Hand abzählen. Der Ausfall einer ganzen Volkswirtschaft oder der Ausfall bestimmter Teile über Monate hinweg – ich denke an die ganze Tourismusbranche, an Hotels oder Gaststättengewerbe, kleine Läden usw. – das geht nicht einfach vorüber. Oder es werden so viele Schulden gemacht, die am Ende dazu führen, dass wieder kein Geld da ist, um in Schulen zu investieren. Oder um vielleicht das Thema innere Sicherheit zu nennen, das ja auch ein schwieriges geworden ist und wir in Halle-Neustadt nicht unbedingt auf der Insel der Seligen sind.

Das ist etwas, was mir Sorgen macht: Dass wir sagen „besondere Zeit ja, aber…“ und dann immer Bereiche davon abschneiden. Wie gesagt, in der Vorrede wurde alles gesagt, um das gut zusammenzufassen. Vieles lag jenseits des Vorstellbaren. Auch für mich. Ich hätte nicht gedacht, so eine Sondersituation einmal zu erleben.  Mal einen Tag, weil ein Sturm ist oder 3 Tage Schulausfall wegen dem Hochwasser, aber ich hätte nie gedacht, dass uns über so viele Monate so eine Geschichte im Bereich Schule so beschäftigt. Das hätte ich nicht für möglich gehalten.

Wir bedanken uns bei Herrn Slowig für das ausführliche Interview! Teil 2 von 3 wird demnächst veröffentlicht.

 

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