„Gute politische Ideen scheitern an der Bürokratie!“

Wir als Online-Schülerzeitung befragen jedes Jahr im Januar unseren Schulleiter Herrn Slowig zu den unterschiedlichsten Geschehnissen und Veränderungen am CWG, zu aktuellen Entwicklungen oder zu Ereignissen des letzten Jahres. Erfahrt hier, im zweiten Teil des diesjährigen Interviews, wie Herr Slowig auf das außergewöhnliche Corona-Jahr zurückblickt und sich den weiteren Verlauf des Schuljahres vorstellt.

  • von Theodor Wolf
  • Foto: Theodor Wolf

Teil 2 von 3 des siebten Januarinterviews:

  1. Man liest und hört viel, die sozialen Medien sind voll damit: War die Bildungspolitik während der Pandemie ein Fiasko oder wurde stets das Beste und Wichtigste getan? Angefangen bei transparenten Entscheidungen über Rahmen- und Hygienepläne mit den damit verbundenen Diskussionen über zum Beispiel Luftfilteranlagen bis schlussendlich zur hitzigen Debatte über den Fortschritt der Digitalisierung an den Schulen. Erfolg oder Misserfolg?

Tja, Fiasko – das sind harte Begriffe …  Ich glaube, dass das zu hart ist.  Wir müssen erstmal für die Politik wie auch für die Bildungspolitik gelten lassen, was für alle anderen auch zutrifft: Sie sind ohne Vorwarnung da hineingeraten. Ich glaube, dass nicht alles vom Krisenmanagement schlecht war. Ich glaube, dass in vielen Punkten, gerade in der Anfangsphase oder jetzt vor Weihnachten – speziell immer dann, wenn die Kanzlerin mit einem Machtwort auftrat – durchaus sinnvolle und sinnstiftende Entscheidungen getroffen worden sind. Auch wenn sie schwer sind für die Familien und so weiter. Und wir sehen ja jetzt auch, dass sich die Zahlen in die gewünschte Richtung entwickeln. Ich glaube schon, dass das was damit zu tun hat, dass man Kontakte minimiert. Ich glaube vielmehr, dass die Krise strukturelle Mängel des Systems, und dann nenne ich in allererster Linie die chronische Unterfinanzierung von Schule, offensichtlich gemacht hat. Drei Hilfsprogramme später, ich meine Digitalpakt, Sofortprogramme I und II, hat sich die technische Situation in unserer Schule nicht durchgreifend gebessert. Wir haben kein W-LAN in den Räumen, wir haben drei, vier Geräte hier in der Schule mit denen wir leidlich eine Videokonferenz von hier aus durchführen könnten – alles andere läuft über Privatgeräte. Um das mal zuzuspitzen: Wenn ich eine Videokonferenz-Dienstberatung mit der Stadt oder dem Land habe, dann fahr ich nach Hause, weil ich dort einen Laptop habe, mit dem es funktioniert und leistungsfähiges Internet. Das Internet hier ist auch leistungsfähig, allerdings haben unsere Verwaltungsrechner weder Kameras noch die Möglichkeit, Ton aufzunehmen.

Die Digitalisierung in den Schulen haben wir verschlafen – und zwar schon vor Jahren. Jetzt das Ruder umzureißen, in so einer Situation, das ist schwierig: Da gibt es Lieferengpässe, denn es wollen alle ausgestattet werden. Das verstehe ich schon. Aber die vier, fünf Jahre davor ist einfach zu viel gequatscht worden. Ehe der Digitalpakt stand zwischen Bund und Ländern … dieses Kompetenzgerangel im Bereich der Bildung …

Und dann scheitern gute politische Ideen wie „Wir helfen schnell mit Millionen“ an der Bürokratie. Da kommt ein Antragsformular für die Schule, gefächert auf 30 Seiten. Da fragst du dich, ob du vielleicht demnächst auch für eine Tafel oder ein Stück Kreide den gleichen Antrag ausfüllen und dafür noch den Zweck erklären musst. Den Sinn technischer Ausstattung in der Schule muss man meiner Meinung nach nicht über Anträge erklären, der erschließt sich inzwischen von selbst.

Und dann wäre es aus meiner Sicht an der Zeit, dass Bund, Land und Kommune Mindeststandards definieren und sagen, „das kommt sofort hier rein in die Schule“ und „das ist unser Ziel bis dann und dann“, und nicht „Schule, fülle Anträge aus“ oder „Schule, erarbeite ein Konzept“…

Wir haben das alles gemacht, die Anträge sind alle da. Das Medienbildungskonzept liegt vor und es ist wirklich gut geworden, muss ich sagen. Wir müssen das mit Leben erfüllen in Zukunft, das wird eine unserer nächsten Aufgaben sein.  Nur jahrelang ist nicht viel passiert … „Geld für Bildung“, das liest man immer auf Wahlplakaten. Alle Jahre wieder, zu jeder Landtagswahl. Auch dieses Jahr werden wir erleben, dass die Bildung Thema sein wird. Aber danach fließt das Geld dann immer schneller in die Erschließung eines Gewerbegebietes, von dem man sich natürlich wieder Steuereinnahmen erhofft, als in Schulen.

Klar, Schulen kosten. Doch diese permanente strukturelle Unterfinanzierung! Was meine ich damit: Ich glaube, in den bei der Pisa-Studie erfolgreichen Ländern, speziell Finnland, wird eben pro Schüler rein rechnerisch ein Drittel mehr Geld in die Hand genommen. Das ist nicht unbedingt eine Frage der Lehrer, das ist eine Frage des Umfeldes: Habe ich in der Schule Verwaltungsassistenten, habe ich an der Schule Administratoren für den ganzen digitalen Bereich, wie ist die räumliche und technische Ausstattung usw.? Wir sind da in Deutschland nur immer großmäulig, mehr nicht, das muss ich wirklich sagen. Ich habe über Weihnachten, eine beeindruckende Dokumentation über den Norden Russlands gesehen. Da ging es um Rentier- und Robbenjäger und da fuhr jemand in die nächstgelegene Stadt und in der Schule dort hielt er einen Vortrag. Man glaubt nicht, was dort in den Räumen für eine technische Ausstattung herrscht. Ich bin aschfahl geworden. Am Ende der Welt …  Klar könnte man sagen, dort sind sie auf digitale Kommunikationswege angewiesen, aber wir hier reden von einem der reichsten Länder der Welt und es ist nicht möglich, in jeder Schule ein leistungsfähiges W-Lan zu haben. Da stellen sich mir schon ein paar Fragen, zum Beispiel, ob das System Schule, wie ich das schon seit Jahren denke, nicht chronisch unterfinanziert ist. Das sehen wir auch an Klassengrößen usw.

Man muss genau überlegen: Wie viel ist mir Bildung pro jungem Mensch Wert? Und diese Kosten hätte ich ganz gerne mal im internationalen Vergleich gesehen. Da wird man feststellen, dass ein Land, was sehr gerne Spitze sein will, erhebliche Aufholpotenziale hat.

Und noch etwas zum Krisenmanagement: Es wird immer nur unter Druck gehandelt. Nehmen wir an, unser Minister ruft fünf Schulleiter an und berät sich. Da erzählt A das, B das und C das und er muss es dann am Ende in eine Entscheidung gießen mit seinen Leuten. Das ist schwierig. Und natürlich hast du heute, egal was du machst, immer die Kritikaster, überall. Davon leben ja soziale Medien, nicht von positiver Berichterstattung, sondern von Kritik – ob nun gerechtfertigt oder nicht. Insofern will ich über dieses Krisenmanagement überhaupt nicht den Stab brechen. Vielleicht mit Ausnahme dessen, was ich vorhin gesagt habe: Dass man ein bisschen flexibler im ganzen Bereich der Leistungsbewertung, Prüfung usw. hätte sein müssen. Da hätte man einfach sagen können, dass es eine besondere Situation ist und nicht krampfhaft an den Dingen so festhalten sollen, wie sie sind. Aber auch das ist meiner Meinung nach noch verzeihlich. Wichtiger wäre, dass langfristig die Lehren aus der nunmehr einjährigen Situation gezogen werden. Dass wir nämlich, wenn wir wieder in solch eine Situation gerieten (nicht in einem Vierteljahr, aber vielleicht in drei oder vier Jahren), technisch und auch was den Fortbildungsgrad der Lehrkräfte betrifft, besser aufgestellt sein würden. Da muss eine Offensive her und zwar verpflichtend für die Lehrkräfte.

  1. Wenn sie die letzten 11 Monate Schule mit 3 Worten beschreiben möchten, welche 3 Worte wären das?

(kurzes Überlegen) Quarantäne, Stille, Leere.

  1. Noch sind die Schulen geschlossen, noch ist kein wirkliches Ende der Pandemie und ihrer Maßnahmen in Sicht. Ab wann wird voraussichtlich in den Schulen wieder weitestgehend Normalität herrschen, also wann könnte es neben dem Stattfinden des Unterrichtes auch wieder Aktionen, wie zum Beispiel Sportfeste, geben? Was ist ihre Prognose? Wird das aktuelle Schuljahr „normal“ enden?

Na, meine Prognose hat sich in der Vergangenheit als wenig zutreffend erwiesen, was diese Sache betrifft. (lacht) Ich glaubte zumindest, dass wir erstmal nach den Winterferien irgendwie, ob das mit Wechselbetrieb oder ähnlichem ist, wieder eine Form von Präsenzunterricht bekommen würden. Ich nehme allerdings nicht an, dass wir bis Ostern zum ganz normalen System zurückkehren werden. Es wird vor allen Dingen vom Impftempo abhängen, dieses halte ich für sehr wichtig in dem Zusammenhang. Ich kann mir aber vorstellen, dass wir im späteren Frühjahr, in den Monaten Mai/Juni, wieder so etwas Ähnliches wie einen regulären Betrieb haben werden. Hoffentlich auch mit ersten Schulveranstaltungen, aber wie bereits gesagt, das wird sehr davon abhängen, wie das mit Impfungen von Lehrern und schulpflichtigen Kindern vorankommt. Wovon ich überzeugt bin, ist, dass der Distanzunterricht spätestens Ende Februar, wenn die Zahlen sich so weiterentwickeln, Geschichte sein wird und wir ab März wieder halbwegs normalen Zeiten entgegen gehen. Und die Prognosen sagen ja, so Ende des Sommers entspannt sich die Lage. Das würde heißen, dass wir im September in das normale Leben zurückkehren könnten. Auch in der Politik zielt ebenfalls alles, was ich so höre, darauf ab, Schulen und Kitas zuerst wieder „ans Netz gehen“ zu lassen. Ich glaube, dass wir die Schulen schon die letzten 2 Schuljahresmonate nach den Pfingstferien wieder in ziemlicher Normalität erleben werden. Vielleicht werden wir die Masken nicht los, aber das ist dann so. Der Winter ist eben, was Viruserkrankungen, Erkältungserkrankungen betrifft, immer ein sensibler Zeitraum. Das wissen wir ja alle aus der Vergangenheit. Es gab schon früher Situationen, in denen viele Lehrer zeitgleich krank waren oder halbe Schulklassen gefehlt haben und das jeweilige Virus verschwand immer dann, wenn der Winter verschwand. Ich glaube, auch diesmal wird es doch ein Frühjahr der Hoffnung.

Dass so viele Menschen an der Pandemie verstorben sind, ist natürlich eine Katastrophe. Aber die, die Krankheit nicht bekommen haben oder sie überstanden haben, haben jetzt die Möglichkeit, die Ärmel hochzukrempeln und das vernünftige Leben aufzubauen. Und vielleicht sollten wir, wie schon gesagt, das Ganze ein bisschen mehr als vorher im Hinblick auf solche Phänomene wie Massentierhaltung und ähnliches betrachten. Da gibt es sehr viel zu tun, das sind globale Probleme. Und die Pandemie hat, glaube ich, auch gezeigt, dass das Aussitzen von Problemen nichts zu deren Lösung beiträgt. Am Ende prasseln die Dinge, wie jetzt bei der zweiten Welle, doppelt und dreifach auf uns nieder, wenn man nach dem ersten Warnschuss nicht die Konsequenzen zieht.

Wir bedanken uns bei Herrn Slowig für das ausführliche Interview! Teil 3 von 3 wird demnächst veröffentlicht.

 

 

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