„Klausuren decken die Lebenswirklichkeit immer weniger ab“

Wir als Online-Schülerzeitung befragen jedes Jahr im Januar unseren Schulleiter Herrn Slowig zu den unterschiedlichsten Geschehnissen und Veränderungen am CWG, zu aktuellen Entwicklungen oder zu Ereignissen des letzten Jahres. Im mittlerweile achten Januarinterview sprechen wir mit ihm über die Themen Digitalisierung und Lehrermangel sowie über den Campus Neustadt und die Pandemie.

  • von Theodor Wolf
  • Foto: Theodor Wolf
  1. Das Wort „Digitalisierung“ ist zum Kampfbegriff geworden. Nichtsdestotrotz eine Frage dazu: Betrachtet man die technische Ausstattung am CWG, so könnte man sagen, dass in den letzten zwei Jahren eine „technische Revolution“ stattgefunden hat. Leihgeräte und Laptop-Beamer-Einheiten oder Displays in den meisten Räumen sind nur Beispiele dafür. Ist nun auch ein Schul-WLAN geplant?

Ja, das wird der nächste Schritt sein. Dazu gehören natürlich Access Points in bestimmten Räumen und es soll später ein WLAN für alle Räume kommen. Das ist übrigens für alle Schulen in Sachsen-Anhalt eine Verpflichtung des Landes. Ich glaube, bis zum Ende des Jahres 2022. Ursprünglich war es eine Selbstverpflichtung für 2020.

Ich gebe dir völlig recht: Wir haben eine technische Revolution erlebt und ich freue mich sehr darüber, auch wenn ich nicht glaube, dass die Digitalisierung allein ein Allheilmittel für Schulen ist. Aber das ist ein anderes Thema.

Wir sind jetzt in der Lage, in jedem Unterrichtsraum, abgesehen von den Unterrichtscontainern, ein funktionsfähiges, internetfähiges Präsentationsgerät mit entsprechendem Rechner anzubieten, sodass die Lehrer digitalgestützten Unterricht betreiben können. Natürlich werden noch vereinzelt Privatgeräte genutzt, z.B. eine Dokumentenkamera, aber ich glaube, das ist einen großen Schritt nach vorn gegangen. Um vielleicht noch einen draufzusetzen: Wenn wir noch einmal in einen Lockdown geraten würden, wäre zumindest technisch (wir wissen nicht genau, wie sich die Internetverbindung unter Hochdruck verhalten würde) die Möglichkeit da, jetzt wirklich aus unseren Klassenräumen heraus Distanzunterricht zu gestalten. Wir bräuchten dann sicher ein bis zwei Tage Vorlauf, aber da sind wir einen ganz großen Schritt nach vorne gekommen.

  1. Nach einem Jahr Pause konnten viele schulische Veranstaltungen und Höhepunkte des Schuljahres wieder stattfinden: Projektwoche, Klassenfahrten, zwei Ski-Kompaktkurse, die drei GriPs-Veranstaltungen und vieles mehr. Ist der Alltag in die Schule zurückgekehrt, abgesehen von den Masken und den täglichen Coronatests?

Ich würde die Frage klar mit nein beantworten. Zumal wir in dieser Woche sehen, dass wir den Tag der offenen Tür nicht wie geplant durchführen können. Nach wie vor hält uns das Pandemiegeschehen im Griff. Die politische Linie hat sich in gewisser Weise für uns erfreulich geändert, sodass der Wahrung des Präsenzunterrichts eine ganz hohe Bedeutung zugemessen wird. Man kann ja auch sagen, dass man die Spielregeln dafür verändert hat. Wenn du mal überlegst: Wir haben jetzt eine Inzidenz von über 1000 und wir hatten mal Festlegungen, dass bei 50 die Schule komplett zu schließen ist und bei 25 in den Wechselunterricht zu gehen ist. Das wurde nun verzwanzigfacht. Man hat jetzt sinnvollerweise andere Parameter genutzt und wir sehen ja, wie sich das Virus verändert, wie sich der Mensch anpasst usw.

Nichtsdestotrotz sind wir nach wie vor unter diesen Pandemiebedingungen. Klassenfahrten werden beispielsweise immer nur mit ganz festen Regularien abgeschlossen, was manchmal mit den Anbietern sehr schwierig ist.

Mein persönlicher Anspruch ist es, Dinge zu ermöglichen und nicht zu überlegen, wie ich Dinge verhindern kann. Unterricht ist eine sehr wichtige Sache, aber das, was Schule ausmacht, ist das Schulleben. Das sind die Dinge, die über den Unterricht hinaus laufen. Insofern habe ich auch nie verstanden, dass in den ersten Bemühungen immer gesagt wurde: Unterricht, Unterricht, Unterricht und der Rest kann erst einmal weg… Der Rest ist das, was eine Schulkarriere eines Schülers ausmacht. Der Unterricht ist Alltag – wie gesagt ein wichtiger Alltag –, aber wir sehen, dass diese Bausteine weggefallen sind. Und wir müssen uns diese Bausteine wirklich zurückerkämpfen. So einfach ist das gar nicht. Auch die Projektwoche findet nicht unter normalen Bedingungen statt. Wir haben bei weitem nicht so viele externe Partner gefunden, die bereit waren, mit uns was zu machen, wie in den anderen Jahren.

Und: Wir haben natürlich immer wieder eine Reihe von Schülern, die durch Quarantänen Schulzeit verpassen und hinterher alles aufholen müssen. Dieses Thema begleitet uns permanent.

Was richtig ist, und da bin ich sehr froh: In diesem Schuljahr ist jeder einzelne Schultag im Präsenzunterricht abgelaufen! Das ist gut und sollte unbedingt so bleiben!

Wir haben uns an die Masken und an die CO2-Ampel gewöhnt. Das ist alles nicht schön und dennoch würde ich sagen, dass das ein Jahr ist, in dem man viele Dinge schrittweise wieder ankurbelt. Was zum Beispiel ganz schwer ist, ist der Ganztagsbereich. Wenn Kinder sich einmal umorientiert haben, ist es schwer, sie zurückzugewinnen bzw. wieder etwas Niveauvolles und vor allen Dingen Breitgefächertes aufzubauen und anzubieten. Wir haben aktuell ein Drittel weniger AG-Teilnehmer als vor Corona. Das darf keinesfalls so bleiben! Zeigt aber, dass wir uns nach wie vor in einer Ausnahmesituation befinden.

  1. Für das Abitur 2022 gibt es klare Vorgaben, welche Erleichterungen den Schülerinnen und Schülern eingeräumt und welche Themengebiete beispielsweise aus den Prüfungen gestrichen werden. Gibt es auch Überlegungen, ob oder wie die zukünftigen Abschlussjahrgänge dahingehend unterstützt werden? Oder gelten ab dem nächsten Schuljahr wieder alle alten Regeln?

Da müsste ich jetzt spekulieren. Ich könnte mir vorstellen, dass es auch noch im nächsten Jahr eine ähnliche Übergangsregelung gibt. Aber sicherlich nicht in dieser Dichte, weil ja die jetzigen 11. Klassen eigentlich in der Qualifikationsphase nichts verpasst haben.

Aber es gibt eine Reihe von Bundesländern, die von Anfang an mit solchen Schwerpunkten arbeiten. Solche Schwerpunkte sind immer Segen und Fluch zugleich. Auf der einen Seite führen sie sicherlich zu einer konzentrierten und fokussierten Prüfungsvorbereitung, aber auf der anderen Seite birgt es immer die Gefahr, dass der Rest des Lehrplans hinten runterfällt. Und: Bei der aktuellen Personallage an vielen Schulen, bei den ohnehin bestehenden Problemen mit Unterrichtsausfällen wäre eine dauerhafte Gabe von Schwerpunkten in einem gewissen Umfang nicht verkehrt.

Das Abitur wird künftig auch noch mehr neue Formate aufnehmen. Die Möglichkeiten sind einfach gewachsen. Und warum sollen nicht zukünftig audiovisuelle Quellen zum Beispiel auftauchen? Es wird neue Aufgabenformate geben. So,  wie das in den letzten Jahren beispielsweise in den Sprachen schon geschehen ist. Auch im Zuge des zentraleren Abiturs (Zentralabitur will ich es bewusst nicht nennen, da ist vieles eher Anspruch als Wirklichkeit) ist eines Fakt: Diese neuen Formate wurden bereits angekündigt.

Das Ministerium wird letztendlich entscheiden, sicherlich in Zusammenarbeit mit dem Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung (LISA), ob es Schwerpunktsetzungen geben wird oder ob das Ganze so bleibt, wie es mal war.

Ich glaube, dass in Sachen Prüfungsgeschäften in den nächsten Jahren ohnehin eine Menge in Bewegung geraten könnte. Ich glaube, dass unsere Form „Eine isolierte Leistung von 4 Stunden und damit besteht man das Abitur“ – solche Klausuren decken für mich schon lange die Lebenswirklichkeit immer weniger ab. Eigentlich wird ja von uns immer häufiger verlangt, komplexe Projekte zu einem Ergebnis zu führen – und da könnte ich mir interessante Prüfungsformate vorstellen. In Dänemark können die Schüler beispielsweise sämtliche Nachschlagewerke in den Prüfungen nutzen. Fremdsprachenlehrer freuen sich natürlich nicht, wenn der Translator am Start ist, ist mir klar. Aber dafür gibt es Lösungen, und ich kann doch nicht so tun, dass aus dem Schulraum sämtliche Dinge dauerhaft verbannt werden, die mir dann in jedem Büro und in jeder Hosentasche zur Verfügung stehen. Da wird sich einiges tun, aber wie wir wissen, schulische Prozesse… In der Schule gibt es viele Beharrungskräfte, nicht alle zu Unrecht, aber manchmal sind diese Beharrungskräfte sehr, sehr stark. Es soll am besten immer alles so bleiben, wie es ist – aber das Leben wird uns andere Maßstäbe geben. Man kann nicht den Unterricht ändern (digitale Endgeräte usw.) und dann so tun, als ob das die Prüfung nichts anginge.

  1. In anderen Interviews haben Sie oft betont, dass es das beste Mittel im Kampf gegen den Lehrermangel ist, selbst Referendare auszubilden. Wie viele Referendare absolvieren denn zurzeit ihre Ausbildung am CWG?

Es sind für einen kurzen Augenblick nur 5. Es waren 7 und ab April werden es auch wieder 7 sein. Auf diesem Niveau wollen wir es auch halten. Referendare sind (die Ausbildung geht ja 16 Monate) immer zum Endjahr oder Weihnachten fertig. Wir wollen in jedem Prüfungszeitraum mindestens zwei Referendare dabei haben. Wir wollen alle Ressourcen, die zur Ausbildung zur Verfügung stehen, ausschöpfen. Wir wären auch gerne Ausbildungsschule, aber dieses Format gibt es in Sachsen-Anhalt leider immer noch nicht (d.h., dass Seminare teils direkt in der Schule stattfinden usw.).

Wir haben weiterhin das Problem, dass alle Schulen suchen, und wenn sich ein Lehrer eine Schule aussuchen kann, ist Neustadt oft nicht sein Erstwunsch. Unsere eigenen Referendare wollen jedoch in der Regel sehr gern hierbleiben, sodass vier bis fünf Referendare, die pro Jahr ihre Prüfung abschließen, für eine Schule in unserer Größenordnung perfekt sind.

Und es gibt uns die Bewegungsfreiheit, die Ausfälle zu ersetzen. Wenn man allein in diesem Jahr schaut: Da sind wir mit einer relativ vernünftigen Unterrichtsversorgung gestartet und hatten dann vier Langzeiterkrankungen und vier Schwangerschaften. So viel zum Thema Normalität: Schwangere müssen sofort aus dem Präsenzunterricht genommen werden. Das heißt, dass wir acht Leute ersetzen mussten. Das bringt jede Schule an ihre Grenzen.

In den letzten Jahren konnten wir uns teilweise wirklich das Feinste vom Feinen heraussuchen. Ich sag‘ jetzt ganz deutlich: Da sind wir auch verwöhnt. Und aufgrund des Bedarfs müssen wir nun auch mal Kompromisse eingehen. Der eine oder andere junge Kollege ist vielleicht noch in der Entwicklung und es ist nicht perfekt, ihn gleich in einem Leistungskurs einzusetzen. Aber die Alternative ist schlicht und einfach der Unterrichtsausfall.

Die andere Möglichkeit sind Seiteneinsteiger. Doch auch dieser Markt ist „abgegrast“. Das Land hat seine berufsbegleitenden Programme erheblich ausgebaut, doch überall herrscht der Fachkräftemangel. Seiteneinsteiger müssten im System Schule dennoch besser begleitet und unterstützt werden.

Die eigene Lehrerausbildung ist für uns überlebenswichtig. Jede Schule sollte aus eigenem Interesse ausbilden. Schulen im ländlichen Raum haben es da schwerer, aber im Allgemeinen haben sich viele Schulen jahrelang geweigert, und auch jetzt hat noch kein großes Umdenken eingesetzt. Jeder sollte so viel ausbilden, wie er nur kann. Wer das nicht begriffen hat, hat auch nicht begriffen, was uns in den nächsten Jahren um die Ohren fliegen wird. Der Lehrermangel wird uns die nächsten zehn Jahre ein treuer Begleiter sein… Wir in der Großstadt sind da nach wie vor in einer relativ komfortablen Lage, aber es gibt Kollegen, die berichten mir aus dem Landkreis Harz beispielsweise, dass sie zum Schuljahresbeginn eine Unterrichtsversorgung von 84 Prozent haben. Das heißt, wenn alle Lehrer da sind, muss 16 Prozent des Unterrichts ausfallen bzw. gekürzt werden. Das zeigt, auf welchem Niveau wir das Ganze schon kochen. Und die Strategien der Landesregierung zu vermissen, ist einerseits richtig, auf der anderen Seite: Wenn ich jetzt der politische Verantwortliche wäre, ich wüsste auch nicht, was ich machen sollte. Schulfusionen und noch größere Schulkomplexe sind jedoch nicht der richtige Weg!

  1. Sie sind knapp zehneinhalb Jahre Schulleiter des CWG. Wie oft durften Sie bereits ein Abiturzeugnis mit dem Gesamtdurchschnitt von 1,0 unterschreiben?

Das jetzige Schuljahr ist meine 11. Saison. 2017 hatten wir keinen Abiturjahrgang und es gab auch Jahre ohne die Idealnote 1,0. Den besten Jahrgang dahingehend gab es 2016 mit zwei Mal 1,0. (Herr Slowig überlegt, rechnet und zählt dann Namen von Schülerinnen und Schülern auf.) Insgesamt müssten es sechs oder sieben gewesen sein, doch ich bin mir leider nicht ganz sicher. Es ist schon überschaubar. Was Besonderes.

  1. Gibt es Neuigkeiten zum Campus- bzw. Mehrzweckgebäude?

Spatenstich bzw. Baubeginn soll 2023/2024 sein und 2026 soll das Gebäude ans Netz gehen. Wir werden jetzt im Frühjahr von der Verwaltung der Stadt noch einmal eine Zusammenfassung der sogenannten „Phase Null“, also der Vorplanung, bekommen.

Ich habe mit Freude gesehen, dass es jetzt konkrete Haushaltstitel gibt, die auch beschlossen sind, und wir auch in der Schulentwicklungsplanung stehen. Es gibt eigentlich keinen vernünftigen Grund mehr, hier noch einen Schritt zurückzugehen. Ich glaube, auch die Finanzierung dieses Projekts steht in diesen unsicheren Zeiten inzwischen auf relativ soliden Füßen. Es wird noch Zeit dauern, aber ich glaube, das wird eine richtig schicke Sache. Die Förderprogramme zum Braunkohleausstieg haben die ganze Finanzierungsfrage sehr nach vorn gebracht.

Ich hoffe, dass das Hochhaus mit in die Baufläche einbezogen wird und am Ende nicht als Schandfleck neben solch einem modernen Gebäude stünde. Das würde mich sehr ärgern.

Wir sind da also im Schulentwicklungsplan und überall gut positioniert, und es muss 2023 wirklich irgendeiner zum Spaten greifen – sei es Haseloff oder Scholz. Hauptsache hier im statistisch ärmsten Stadtteil Deutschlands wird endlich ein Gebäude gebaut, das der Segregation nicht nur im schulischen Bereich entgegenwirkt, sondern ein echtes schulisch orientiertes Stadtteilzentrum wird. Ein Ort der Kultur, den es hier so dringend braucht.

Wir bedanken uns bei Herrn Slowig für das achte Januarinterview!

 

 

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