„Ich kann das Rad nicht neu erfinden – aber es designen!“

Matthias Jeschke, ein Fahrraddesigner aus Halle (Saale) hat am 31.1.2019 einen Vortrag über sein Unternehmen „Velocipedo“ gehalten. Aber weshalb das so besonders ist und wieso die Fahrräder von ihm etwas ganz Besonderes sind, erfahrt ihr hier!

  • von Theodor Wolf/9c
  • Fotos: Theodor Wolf/9c; Quellen siehe unten

Am 31.1.2019 versammelten sich die Teilnehmer des Projektes „Mein Rad und ich“ und einige andere Interessierte gegen 13 Uhr im Geographieraum 108 unserer Schule, um einem ganz besonderen Vortrag beizuwohnen: Unser Mathe-, Astronomie- und Physiklehrer Herr Berger hat in diesem Jahr erneut das Projekt „Mein Rad und ich“ in der Projektwoche angeboten und in diesem Jahr zusätzlich den Diplom-Designer Matthias Jeschke eingeladen. Der selbstständige Unternehmer aus Halle (Saale) sollte und wollte etwas über sein Unternehmen, seinen Job, seine persönliche Vergangenheit und natürlich über seine selbst designten Fahrräder erzählen.

Herr Jeschke gestand gleich zu Beginn, dass dies sein erster Vortrag vor Schülern sei, aber er startete trotzdem gleich voll durch und begann damit, über eine Stunde über sein Leben und seine Ausbildung zu berichten und darüber, wie er zu diesem außergewöhnlichen Job gekommen ist. Matthias Jeschke ist in der DDR groß geworden und hatte zum Ende der 10. Klasse noch keinerlei Vorstellungen, was er beruflich machen könnte. Er erlernte dann das Handwerk des Kfz-Mechanikers, obwohl er eigentlich Grafikdesign studieren wollte. Um studieren zu können, musste er allerdings 3 Voraussetzungen erfüllen: 1. Musste er das Abitur besitzen. 2. Musste er 1,5 Jahre zur Armee und 3. Musste er die Eignungsprüfung der Kunsthochschule bestehen. Mit 18 Jahren wurde er zur Armee eingezogen und anschließend hat er an einer Abendschule das Abitur nachgeholt. Aber die Eignungsprüfung hat er leider nicht bestanden. So hatte Herr Jeschke keine andere Wahl und musste sich eine Arbeit suchen. Er bekam einen recht interessanten Job bei der Fahrbereitschaft der Uni Halle. Bei dieser Tätigkeit lernte er viele neue Leute kennen. Nichtsdestotrotz floh er gemeinsam mit seiner Freundin einige Monate vor der politischen Wende über Ungarn nach Süddeutschland. Dort arbeitete Matthias Jeschke als Offset-Drucker und stieg innerhalb des Betriebes sogar recht schnell auf. Bereits 1992 landete er jedoch wieder in Halle, denn seine Freundin hatte in der alten Heimat einen guten Job gefunden. Herr Jeschke versuchte daraufhin sein Glück noch einmal: Er meldete sich erneut bei der BURG für die Eignungsprüfung an und bestand sie! Dies öffnete ihm das Tor zu 5 Jahren Produktdesign. Damals designte er allerdings noch keine Fahrräder, sondern andere nützliche Dinge, z.B. kleine Koffer und Behältnisse. Herr Jeschke hatte auch einige Ansichtsexemplare von damals mit und zeigte an der interaktiven Tafel im Raum 108 ein früheres Gerät, welches er designt hat: eine Heizungsanlage.

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Nach seinem Studium absolvierte er ein Praktikum in Darmstadt und erlangte 1997 für die Firma seines Praktikumsplatzes sogar einen Preis für das Design einer Heizungsanlage. Matthias Jeschke entwickelte auch eine Leidenschaft für die Fotografie und gestaltete 1998 ein neuartiges Kameradesign für Leica – mit vielen technischen Verbesserungen, von denen manche heute noch nicht umgesetzt worden sind. Zum Beispiel ein Kameragehäuse mit einem Loch am rechten oder linken Rand, durch das man durchgreifen und damit die Kamera besser festhalten kann. Allerdings hätte die praktische Umsetzung wohl zu viel Geld in Anspruch genommen. So blieb es bei einigen Prototypen. Doch Lob, Anerkennung und Standing-Ovation bei der Vorstellung dieses Produktes erhielt er von über 100 Experten dennoch.

Anschließend arbeitete Matthias Jeschke als Designer in Halle und gestaltete unter anderem viele Bücher, Logos und Prospekte. Darüber hinaus gründete er das Netzwerk „formation 01“. Dieses hatte und hat noch immer keine Angestellte, sondern ist nur ein loser Zusammenschluss von Fotografen, Journalisten und Designern. Daraus entwickelte sich auch eine Fahrradrenngruppe, ebenfalls mit dem Namen „formation 01“. Dabei designte Herr Jeschke die ersten Fahrräder als fahrende Werbeträger für z.B. Krankenkassen. Und daraus entwickelte sich dann bald seine Leidenschaft für außergewöhnliche Fahrräder…

Messestücke, Carbon-Sättel und vieles mehr…

Matthias Jeschke besitzt in Halle keinen eignen Laden, nur ein Büro im Mühlwegviertel. Aus einem einfachen Grund: der Kundenkreis ist viel zu klein und viel zu sehr über die Welt verstreut, lebt mit Sicherheit nur zu Bruchteilen in Halle.

Herr Jeschke ist dennoch für seine hochwertigen und preisgekrönten Fahrräder aus Carbon und Titan bekannt. Die Namen „FastFood“, „GhostDog“ oder „GenTlemen“ spiegeln nur einige der vielen Fahrradtypen wider, die alle von Hand zusammengebaut werden. Dies ist möglich, weil von allen Rädertypen maximal 25 Stück produziert werden; Einzelanfertigungen sind keine Seltenheit. Einige der Räder sind in den letzten Jahren auch mit dem „Cycle Award“ in Silber und Gold ausgezeichnet worden. Die Räder werden stets auf speziellen Messen weltweit ausgestellt, und auch internationale Fachzeitschriften berichteten schon von Matthias Jeschke. Er selbst ist Rennradfahrer und designt deshalb nur Rennräder und „schnelle Stadträder“, keine Mountainbikes oder andere „Drahtesel“. Die Räder zeichnen sich unter anderem durch ihr extrem geringes Gewicht, logischerweise durch ihr Design, aber auch durch die spezielle Namensgebung aus. Jedes Fahrradmodell ist ein „Individuum“, jedes Modell sieht komplett anders aus.

Das Unternehmen von Herrn Jeschke ist noch ein recht junges, denn erst 2014 beantragte er den nötigen Gewerbeschein. 2015 präsentierte er seine ersten 8 Räder auf der Fachmesse in Berlin. Es sei auch ein großer Erfolg gewesen, so Jeschke, aber „Velocipedo“ geriet in Vergessenheit und 2015 verkaufte er kein einziges Rad. Daraus lernte er, dass man durch Websites, Anzeigen, Messen und ähnliches seinen potenziellen Kunden immer wieder seine Produkte „unter die Nase reiben muss“. In der Folgezeit besserte sich die Lage und 2017 durfte er auf einer Messe der bekanntesten Fahrraddesigner der Welt ausstellen. Das erfüllte Matthias Jeschke mit viel Stolz und ermutigte ihn, immer weiter zu machen.

Wie bereits erwähnt, werden alle Fahrräder von ihm aus Titan oder Carbon gefertigt. Die Herstellung der Einzelteile erfolgt in Manufakturen, in Asien. Zusammengesetzt werden die Räder von ihm selbst. Das leichteste Rad wiegt übrigens gerade einmal 5,5kg. Allerdings verkaufen inzwischen viele Händler Fahrräder aus Titan. Aber das Design von Herrn Jeschke ist das Einmalige an den Rädern. Zuallererst fertigt er immer eine technische Zeichnung an, welche auf einen halben Millimeter genau sein muss, weil die Asiaten alles genau nach dieser Zeichnung produzieren. Dann überlegt Matthias Jeschke sich ein Design und einen einfallsreichen und unverwechselbaren Namen, weil dieser für ihn genau so wichtig ist wie die Fahrtüchtigkeit des Fahrrades. Während des Vortrages hatte man zeitweise den Eindruck, dass der Name sogar noch wichtiger sei …

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Für Herrn Jeschke ist es von großer Bedeutung, dass die Räder von Weitem einfarbig und unauffällig wirken, aber aus der Nähe nur so vor Details und gestalterischen Besonderheiten strotzen. Bemerkenswert ist auch, dass Herr Jeschke ebenfalls Fahrräder mit Riemenantrieb statt Kettenantrieb produziert und dass er auf seine Titanräder eine Garantie von 15 Jahren gibt. Wenn man sich allerdings die Preise für seine Räder anschaut, versteht man dies auch: Das günstigste Rad kostet 3950 Euro … Er meinte, dass er sich seine eigenen Räder nicht leisten könne.

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Matthias Jeschke muss es auch akzeptieren, dass sich einige seiner Kunden seine Räder nur als Kunstobjekt ins Büro hängen und diese Fahrräder wahrscheinlich nie eine Straße berühren werden. Matthias Jeschke hatte auch zwei Räder als Anschauungsobjekte mit, allerdings ohne Kette oder Riemen – wegfahren war also von vornherein ausgeschlossen. Der gesamte Vortrag mit anschließender kleiner Gesprächsrunde dauerte ungefähr drei Stunden. Während des Vortrages gab Herr Jeschke auch Bauteile aus Titan und Carbon und sogar technische Zeichnungen durch die Reihen, die er sonst niemals aus seinen Händen gibt! Während der Diskussion kam Matthias Jeschke noch auf ein Thema zu sprechen, das ihn in letzter Zeit besonders ärgert: Auch in der Kunst- bzw. der Designbranche spiele nur noch das Geld eine Rolle, meinte er. Früher habe man Preisgelder oder Honorare erhalten, wenn man sich allerdings heutzutage für Designpreise für Fahrräder oder ähnliches bewerbe, müsse man eine kleine Bearbeitungsgebühr bezahlen. Über diese rege sich auch keiner auf, aber wenn man gewinne, was normalerweise das Ziel eines Wettbewerbes sei, müsse man eine Gebühr von meistens ungefähr 3500€ entrichten, um auf Fotos, in Werbeprodukten und Messeprospekten zu erscheinen. Das könnten sich nur große Firmen leisten und die kleinen Firmen, wie die von Herrn Jeschke, könnten am Ende gar nicht mehr teilnehmen. Er musste bereits einen Preis ablehnen, weil ein Rad von ihm einen Wettbewerb gewann, welches er eigentlich nach dem Einreichen der Unterlagen wieder zurückgezogen hatte. Leider kam es aber zu einen Übermittlungsproblem …

Die Philosophie von Herrn Jeschke über seine Räder, sein Design und seine dazugehörige Namensfindung ist sehr komplex und schwer nachzuerzählen. Allerdings wird man, wenn er darüber spricht, wie in einen Bann der Fantasie gezogen und versteht seine Gedankengänge und seine Ideen, auch wenn sie immer etwas außergewöhnliches bleiben werden!

Wir bedanken uns bei Herrn Berger recht herzlich für die Organisation des Vortrages und bei Herrn Matthias Jeschke für den sehr umfangreichen und sehr informativen Vortrag! Wir wünschen ihm für das Design seiner Räder noch viel Erfolg und vielleicht doch noch den einen oder anderen Preis …

Jeschke

Weitere Information findet Ihr auf der Website von Herrn Jeschke. Hier ein kleiner Vorgeschmack: „Als Vorbereitung für die heutigen edlen Kleinserien macht er selbst viele Versuche mit Lackierungen, Maskierungen und Sandstrahlen, denn nur so kann er die Eigenheiten und Schwierigkeiten der Handwerke und Materialien ausreichend kennenlernen, um sie bestmöglich für die Gestaltung seiner Räder zu verwenden. Als Designer macht Matthias am liebsten alles selbst, was gestaltbar ist. Er experimentiert viel mit Mustern und Schrifttypen und gibt jedem Modell so sein ganz eigenes Erscheinungsbild. Im Vordergrund soll dabei immer das Rad selbst stehen, darum wird sich auch der Firmenname nie aufdrängen, sondern findet sich zurückgenommen in eleganten Plaketten an Steuer- und Oberrohr. So entstehen visuell außergewöhnliche Räder, immer mit der bestmöglichen technischen Basis.“ (Zitiert von: https://velocipedo.de/about/; am 9.3.2019 um 17:00 Uhr)

Bildquellen:

(Alle am 9.3.2019 um 17:30 Uhr zuletzt verwendet)

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