Die Dreistigkeit kennt keine Grenzen

BESTER ARTIKEL 2016/2017

Seit einigen Jahren betreue ich als freiberufliche Dipl.-Journalistin die Schülerzeitung „Wolffs Ruf“ am Christian-Wolff-Gymnasium. Da bleibt es nicht aus, dass man auch mal die Mädchen-Toilette der Schule besuchen muss. Was man da immer wieder zu Gesicht bekommt, lässt einen schon ganz schön an Verstand und Manieren mancher Schülerinnen zweifeln. Aber bei den Jungs sieht es scheinbar auch oft nicht viel besser aus: Zerfetzte Klo-Rollen plus Müll in den Räumlichkeiten, Toiletten mit Kot – nicht weggespült, mehrere Brötchen – in die Toilette gestopft, Cremeseife und Haare in den Waschbecken und, und, und.

  • von Gabriele Bräunig
  • Fotos: Gabriele Bräunig

Ich schäme mich für Euch, Mädels. Sieht es bei Euch zu Hause auch so aus? Räumt Euch Mutti da ebenfalls jeden Dreck weg und alles hinterher? Und: Ich habe mich schon oft gefragt, wie sich die Reinigungskräfte dabei fühlen, so etwas ständig zu sehen – und zu beseitigen.

Hier ein Interview mit Elvira Bamberg, der Vorarbeiterin der Reinigungskräfte am Christian-Wolff-Gymnasium.

1. Frau Bamberg, wie lange arbeiten Sie schon als Reinigungskraft am Christian-Wolff-Gymnasium?

»Ich bin jetzt im 13. Jahr hier.«

2. Stehen Ihnen noch weitere KollegInnen bei Ihrer Arbeit zur Seite?

»Neben mir als Vorarbeiterin sind über die Stadtwerke Halle hier noch eine Vollzeit- sowie eine Teilzeitkraft tätig.«

3. Was macht Ihnen an Ihrer Arbeit Spaß?

»Früher hat mir meine Arbeit hier mal Spaß gemacht; da gab es auch mal ein Dankeschön für das, was wir tun – oder wenigstens ein „Guten Tag!“ von den Schülern. Heute macht die Arbeit am CWG eigentlich nicht mehr wirklich Spaß.«

4. Weshalb ist das so?

»Die Schulleitung ist begeistert von unserer Arbeit; sie möchte uns nicht missen. Auch kommt von den Eltern ab und zu ein Dank, wenn wir Dinge, die Schüler verloren haben, wiederfinden.

Aber sonst hören wir von den etwa 800 Schülern keinen Dank mehr für unseren Fleiß. Wir werden – als Menschen und als Fachkräfte – kaum noch wahrgenommen. Man wertschätzt unsere wichtige Arbeit nicht. Im Gegenteil: Manche arroganten Schüler denken, sie wären etwas Besseres – obwohl sie bisher in ihrem Leben kaum etwas geleistet haben. Die lachen uns sogar für unsere Tätigkeit aus. Denen hat scheinbar niemand beigebracht, dass man für Geld arbeiten muss.

»[…] wir arbeiten nur noch für die Nacht.«

Elvira Bamberg
Reinigungskraft am CWG

Wir sagen immer, wir arbeiten nur noch für die Nacht. Wenn die Schüler morgens in die Schule kommen, dann dauert es nicht lange und alles ist wieder schmutzig. Die 5. Klassen sind zum Teil besonders gedankenlos. Sie schleppen z.B. den dicksten Matsch mit in die Klassenräume, ohne sich die Schuhe abzutreten.

Schülerzeitung AG - Ordnung, Sauberkeit Schulhaus CWG_Interview Reinigungskraft [21.4.2017] (2)
► Die ehrenwürdige Arbeit von Elvira Bamberg und ihren Kolleginnen wird in der Schülerschaft leider nicht wertgeschätzt.

Außerdem lassen viele Mädchen und Jungen einfach alles fallen, was sie loswerden wollen – egal, wo sie gerade gehen oder stehen. Sie benutzen die vorhandenen Mülleimer nicht wirklich. Manche stopfen sogar mehrere Brötchen auf einmal, zum Teil sogar noch verpackt, in die Toiletten hinein. Was denken sich diese Schüler dabei?

Ich möchte betonen: Es sind nicht alle Schüler so, und es gibt auch nette und höfliche, aber es wird immer schlimmer.«

5. Sprechen Sie die Schüler auch mal an, wenn diese so gedankenlos und oberflächlich sind?

»Ja, natürlich. Aber oft haben wir schlechte Chancen. Entweder man registriert unsere Bitten gar nicht erst, oder man wird gleich pampig. Ich musste mir leider schon solche Sätze anhören, wie zum Beispiel: „Wozu sind Sie denn sonst da!?“

Wenn gar nichts hilft, holen wir den Schulleiter oder die stellvertretende Schulleiterin.«

6. Glauben Sie, dass sich die Schüler zu Hause auch so verhalten?

»Nee, definitiv nicht!!! Da dürfen sie das nicht, und sie trauen sich das auch nicht. Denn vor ihren Eltern haben sie Respekt. Vor uns leider nicht.«

7. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie so ignorant, respektlos und überheblich behandelt werden?

»Schlecht. Da fühle ich mich richtig schlecht. Die anderen beiden Kolleginnen ebenfalls. Und wir fragen uns, was wir verkehrt gemacht haben. Eigentlich ja nichts.«

Schülerzeitung AG - Ordnung, Sauberkeit Schulhaus CWG_Interview Reinigungskraft [21.4.2017] (3)

Schülerzeitung AG - Ordnung, Sauberkeit Schulhaus CWG_Interview Reinigungskraft [21.4.2017] (4)
► Verdreckte Toiletten und schmutzige Räume, besonders in denen der 5. Klassen, gehören leider zum Alltag und müssen immer wieder von den Reinigungskräften mühsam in Ordnung gebracht werden.

8. Wie möchten Sie behandelt werden?

»Ich möchte respektvoll behandelt werden – als Mensch, und weil ich eine ehrenwerte sowie wichtige, verantwortungsvolle Arbeit mache. Außerdem: Ich tue wirklich niemandem etwas.«

9. Heute, am 21. April, ist wieder Frühjahrsputz in der Schule – wozu die Redaktion der Schülerzeitung aufgerufen hat. Könnte dies dazu beitragen, dass Ihre Tätigkeit mehr geachtet wird und dass die Schüler künftig auf mehr Ordnung und Sauberkeit achten?

»Ich finde diese Aktion sehr gut. Es beteiligen sich sogar mehr Schüler am Frühjahrsputz als erwartet. Wir sind sehr dankbar für die tatkräftige Unterstützung.  Und dabei kann man natürlich gleichfalls erfahren, wie wichtig und auch schwer die Arbeit einer Reinigungskraft ist.«

10. Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft am Christian-Wolff-Gymnasium?

»Ich wünsche mir, dass die Schüler mehr Ordnung halten sowie respektvoller uns gegenüber sind. Dann haben wir vielleicht auch mal wieder mehr Freude an unserer Arbeit. Und wir wissen wieder, für wen wir das alles tun. Man sollte sich ein Beispiel an den ausländischen Kindern an dieser Schule nehmen: Die sind freundlich zu uns und achten unsere Tätigkeit. Vielleicht hat ihnen das ja zu Hause jemand beigebracht.«

Für das Gespräch bedanke ich mich recht herzlich bei Frau Bamberg.

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